Die Magie der Objekte von Nicole Büsing und Heiko Klaas
Im Mittelpunkt des technisch brillanten, frühen Animationsfilms „Fétiche Mascotte“ (1934) des polnisch-russischen Filmemachers Ladislas Starevich steht ein kleiner Stoffhund, der einem todkranken Kind eine Orange überbringen will, dabei auf einen Horrortrip gerät und allerlei Abenteuer zu bestehen hat. Ein Kinderspielzeug versucht sich als Lebensretter.

Auch die in Berlin und Hamburg lebende Malerin Hilke Dettmers beschäftigt sich in ihrer Serie „Maskottchen“ mit den oftmals kitschig-verspielten Püppchenanhängern aus Stoff und Zierrat, die in den verschiedensten Kulturkreisen als Talisman, Fetisch oder persönlicher Glücksbringer dienen. Hilke Dettmers interessiert sich für dieses Phänomen und richtet ihr Augenmerk auf Maskottchen, wie sie gelegentlich am Innenspiegel von Autos baumeln: Ketten, Vereinssymbole, Potenzbringer, Heilige, Tierchen oder folkloristische Gegenstände, die mit Perlen und Federn besetzt sind. Der private Begleiter mit vermeintlicher Zauber- oder Beschützerkraft gehört seit langem zu den Accessoires moderner Automobilisten. Das ursprünglich anonyme Auto wird so von seinem Besitzer individualisiert und ähnlich der häuslichen Umgebung zum abgekapselten Schutzraum gemacht.

„Der Mensch wird in der funktionellen Umwelt nicht heimisch, er benötigt ein Zeichen, einen Splitter vom echten Kreuz, der die Kirche heiligt, einen Talisman, ein Stück unbedingter Echtheit aus dem Innersten der Realität des Lebens, um eine Rechtfertigung zu haben.“ So schreibt Jean Baudrillard in „Das System der Dinge“, seiner 1968 erschienenen phänomenologischen Untersuchung der Gegenstände, mit denen das persönliche Milieu eingerichtet wird. Er beschreibt den Wagen als „Komplementär der Wohnung, der diese in exzentrischen Bahnen umkreist.“
Doch die private Abgeschirmtheit in der Limousine ist natürlich eine Illusion. Der Blick der Außenstehenden lässt sich nicht abschirmen, auch nicht der Blick der Malerin Hilke Dettmers. Sie filtert das Maskottchen in all seinen Erscheinungsformen als individuelles Detail aus der Realwelt des Alltagsverkehrs heraus und setzt es ins Zentrum einer Bilderserie. Der Blick der Malerin ist dabei rein registrierend. Dettmers denunziert nicht, sie macht sich keineswegs zur Richterin über guten oder schlechten Geschmack. Details der Außenwelt wie die Straße, das Innere des Autos oder Personen wie Fahrer und Beifahrer werden ausgeblendet, höchstens der Innenspiegel wird dargestellt. Das Hier und Jetzt, aber auch die Distanz zwischen Betrachter und Objekt verschwinden in der Ausschnitthaftigkeit.

Doch das scheinbar banale Detail verrät oft mehr über die Zusammenhänge der Welt als die mit überflüssigen Informationssplittern überfrachtete Gesamtübersicht. Handelnde Personen kommen auf den neueren Arbeiten der Künstlerin nicht mehr vor. Hilke Dettmers entdeckt auf ihren Erkundungsspaziergängen durch den Öffentlichen Raum lapidare Nebensächlichkeiten, die von unseren Wahr-nehmungsfiltern normalerweise ausgeblendet werden, und hält sie oft mit der Kamera fest. Durch die anschließende malerische Annäherung rückt sie sie wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit: Das kleinformatige Bild „Hofecke“ (2005) zeigt ausschnitthaft ein kleines Stück Erdreich mit einem jungen Baum, der einst mit viel Liebe in einen zubetonierten Innenhof gepflanzt wurde, aber mittlerweile von so viel Unkraut umwuchert ist, dass die Sorgfalt und der Eifer der Begrünungsaktion ad absurdum geführt werden.

Das Bild „Schacht“ (2005) präsentiert einen dicht über dem Bordstein befindlichen Kellereinstieg, der tausendfach von Fußgängern passiert wird, und dennoch meist der Wahrnehmung entgeht. Die verborgene Welt dahinter, die private Welt jenseits der Straße wird hier angedeutet. Hinter dem membranhaften Kellerfenster kann Heimliches oder Unheimliches lauern. Der Übergang von der Außenwelt zur Innenwelt wird von Hilke Dettmers seiner Unscheinbarkeit enthoben, die von der Wahrnehmung vernachlässigte Abseite zum Bildgegenstand erhoben. Die Farbigkeit ist zurückgenommen und blässlich, ineinander übergehende Grau- und Beigetöne herrschen vor. Das Ölgemälde erscheint diffus und geradezu überbelichtet. Keine starken expressiven Linien und Farbaufträge, dezente Andeutungen statt dezidierter Aussagen, beiläufige Fragen statt ausformulierter Antworten. Dettmers richtet ihren Blick auf das zunächst vielleicht Unwesentliche, Unbeachtete, scheinbar Banale und mit einem Aufmerksamkeitsdefizit Behaftete – das Spektakuläre interessiert sie nicht.
„Gegenstände werden da sein, bevor sie etwas sind; und sie werden anschließend immer noch da sein, hart, unveränderlich, äußerlich anwesend, ihre eigene Bedeutung verspottend“, schreibt der französische Schriftsteller und Literaturtheoretiker Alain Robbe-Grillet in seinem Essay „Argumente für einen neuen Roman“ von 1963. Der Gegenstand mit seiner festen Verankerung in der Realität ist das Eine. Hilke Dettmers eröffnet mit ihrer Malerei eine Sicht auf die Welt dahinter, das zeitliche Davor und Danach. Eine Ebene der Reflexion, der Erinnerung, der Phantasie, des Spiels, des Traums. Anders als auf den Gemälden des Belgiers Luc Tuymans etwa, die in ihrer kalkulierten Blässe und Schemenhaftigkeit den Bildern Dettmers ähneln, jedoch in der historisch-politischen Aufladung in eine andere Richtung drängen, verfolgt Hilke Dettmers eine eher leise, beiläufige, manchmal auch sehr private Sicht, jenseits des Sensationsheischenden.

Das Interieur ihrer Berliner Wohnung auf dem Gemälde „Ding“ (2005) zeigt reale Gegenstände: einen Tisch mit einem Glaskrug, einen grünlichen Vorhang, ein Sofa. Dennoch gibt es Irritationsmomente wie ein schwarzes Loch hinter dem halb geöffneten Vorhang oder ein undefinierbares rotes Gebilde auf dem Boden. Keine weltbewegenden Dinge, aber dennoch Rätsel des Alltags, die die Heimeligkeit und Harmlosigkeit der privaten Idylle in Frage stellen.
Um öffentliche Räume, verspielte Formen, architektonische Details und die Wucht des historischen Erbes geht es hingegen in den Bildern, die Hilke Dettmers nach einem Besuch im Teatro Mediterraneo Mostra d´Oltremare auf dem Messegelände von Neapel gemalt hat. Hier präsentierte Mussolini 1940 seine imperialen Großmachtsfantasien in faschistisch-rationaler, dabei jedoch auch mediterran geprägter Prunkarchitektur. Hilke Dettmers wirft einen Blick in die Innenräume und wählt als Motive das Detail eines künstlerisch mit Glaselementen verzierten Treppengeländers oder die Fußbodengestaltung in einem Salon.

Ähnlich wie der kanadische Fotograf Jeff Wall, der auf seinen Großdiaaufnahmen Orte verschütteter Erinnerungen re-inszeniert oder aber ganz neu erfindet, interessiert sich Hilke Dettmers auch hier für das Gedächtnis des Ortes. Dettmers, die bereits längere Zeit in Kalifornien und Italien gelebt hat und zur Zeit zwischen Hamburg und Berlin pendelt, ist eine Wanderin zwischen realen Orten, verblas-senden Erinnerungen und magisch aufgeladenen Objekten. Im oft übersehenen Detail kann sie eine ganze Welt entdecken.