Nicole Büsing & Heiko Klaas: „Jedes Ding hat einen Namen“ Kunstverein Rügen
Die Soldiner Straße liegt im gern als Kleine-Leute-Viertel apostrophierten Berliner Stadtteil Wedding. Sie durchzieht den so genannten Soldiner Kiez, dem sie auch seinen Namen gibt. Die Mieten sind hier noch günstig, eine Tatsache die dazu geführt hat, dass sich in den letzten Jahren immer mehr Künstler angesiedelt haben. Es gibt viel Grün, viele Kleingärten, Spielplätze und kleine Läden. Wer hier lange wohnt, nimmt irgendwann die Stadtteilidentität an, die so typisch für Berlin ist, wo jeder auf seinen Kiez schwört.
Auch Hilke Dettmers hat eine Zeit lang in Berlin-Wedding gewohnt, bevor sie zurück nach Hamburg zog. Drei der hier ausgestellten Gemälde tragen den Titel „Soldinerstr. 1, 2 und 3“. Zu sehen sind jedoch keine belebten Straßenszenen, keine Läden oder Cafés, keine Mütter mit Kinderwagen, keine Rentner mit Schiebermütze und Dackel an der Leine.

Auf den drei 2007 entstandenen hochformatigen Gemälden sind Fassaden zu erkennen oder fast nur vage zu erahnen. Eine blassblaue Fassade mit einem weißen Fenster, davor ein mit wenigen, pointiert gesetzten Pinseltupfen angedeuteter Strauch oder der Zweig eines sommerlichen Baumes. Fast abstrakt wirken diese Kompositionen in zurückhaltenden Grün- und Blautönen, eine Mischung aus Landschaftsskizze, Nachbarschaftsbeobachtung und beiläufigem Seitenblick.

Die 1969 in Oldenburg geborene Malerin Hilke Dettmers hat an der Hamburger Hochschule für bildende Künste von 1997 bis 2003 bei Werner Büttner und Cosima von Bonin studiert. Sie entdeckt auf ihren Erkundungsspaziergängen durch den öffentlichen Raum banale Nebensächlichkeiten, die von unseren grobrastrigen Wahrnehmungsfiltern normalerweise ausgeblendet werden, und hält sie mit der Kamera fest, oft nur mit einem Handy, dessen Fotofunktion sie als eine Art Skizzenbuch benutzt. Durch die anschließende malerische Annäherung rückt sie sie wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Zum Beispiel in dem Bild „Hof“, das den Ausschnitt eines typischen Hinterhofs zeigt. Weiße Mauerwände, ein Terracottaboden und ein einsamer, kleinwüchsiger Baum, der ein Schattendasein führt und merkwürdig von einer Art Manschette am Stamm eingefasst ist. Der Baum, von dem nur der dünne Stamm und seine Verankerung auf einer Grünaussparung in den Bildvordergrund gerückt sind, erobert sich dennoch seinen Platz in der Hinterhoftristesse. Er strebt Richtung Himmel gegen alle Beschränkung duch Zivilisationsspuren wie Mauerwerk, Manschette oder Pflasterung. Ein Stück Hoffnung, ein Stück Leben.

Die direkte Begegnung mit dem Tod im engeren Freundeskreis war der Auslöser für eine Veränderung in der Malerei von Hilke Dettmers in jüngster Zeit. Ihre Bilder sind abstrakter geworden. Eindeutige, dem realistischen Abbild verbundene Motive sind nicht mehr explizit erkennbar, sondern nur zu erahnen. In dem 2 Meter mal 1,60 Meter messenden Hochformat „Dufte“ von 2008 dominieren nur zwei Farben: Ein Braun und ein schmutziges Weiß. Es sind Strukturen erkennbar, die an Architektur erinnern, vielleicht ein genormtes Mietshaus mit dunklen Fensterflächen. Keine Menschen, diesmal auch keine Bäume oder Sträucher. Flächig aufgetragene Farbe in klar abgegrenzten Feldern. Der Titel des Gemäldes zitiert ein Lieblingswort des Verstorbenen.

Auch das Bild „Björn“, das seinen Namen trägt, kann als postume Hommage an ihn gelesen werden. Wiederum erkennen wir architektonische Strukturen mit hellen und intensiv blauen Farbfeldern, die an Fensteröffnungen erinnern. Diesmal wirkt das Gebäude, wenn es denn als solches zu interpretieren ist, eher mediterran. Freundliche Erinnerung und Zuneigung schwingen hier mit. Eine Hommage an das Gewesene und ein Bewahren des Gemeinsamen. Das quadratische Gemälde ist eine abstrakte Komposition mit subtiler Inhaltlichkeit. Es ist, wie alle Bilder von Hilke Dettmers, still und intensiv zugleich. Es ist von kompositorischer Dichte und struktureller Ausgewogenheit, ohne jedoch pathetisch zu wirken. Der intime und sehr persönliche Inhalt, der sich im Titel andeutet, dem Außenstehenden jedoch nur durch spezielle Kenntnis zu vermitteln ist, wird keinesfalls strapaziert, sondern subtil verarbeitet.

Rot-, Grün-, Braun- und Gelbtöne dann auf dem eher kleinformatigen Bild „aldi“. Auch hier ist mehr zu erahnen als zu dechiffrieren. Ein blockartiges, rotes Gebäude, ein Trottoir, ein angedeutetes Gewusel, das einer Menschenmenge gleicht, vielleicht auch nur einem sommerlichen Buschwerk. Die Komposition besticht wiederum durch eine klare Setzung und das Aussparen von für die Malerin überflüssigen Details, die im Kopf des Betrachters jedoch ergänzt werden dürfen und sollen. Wer sich auf die Bilder von Hilke Dettmers einlässt, darf rätseln, fantasieren, puzzeln, hinzufügen und weiterspinnen. Die Hamburger Malerin setzt mit ihren oft aus Farbflächen komponierten Gemälden atmosphärisch dichte Fixpunkte, die ihren Ausgangspunkt in ihrer unmittelbaren Umgebung haben. Das kann der Blick aus dem Fenster sein, die ephemere Wahrnehmung beim Spaziergang, das plötzliche Entdecken einer kuriosen Unstimmigkeit am Wegesrand. Was dabei entsteht, ist aber immer nur eine ungefähre Nähe zwischen dem Objekt und seiner malerischen Darstellung. Hilke Dettmers praktiziert eine ambivalente Ästhetik der Zweideutigkeit. Illusionistische Malerei und oberflächliche Narration wird man auf ihren Bildern nicht entdecken.

Künstler wie Hilke Dettmers verfügen über eine besondere Eigenschaft, die sie von den meisten anderen Menschen unterscheidet. Der französische Dichter, Essayist und Philosoph Paul Valéry (1871-1945) nannte das einmal „die Gabe der seltsamen Sicht“. „Dieser schwer definierbare Blick“, so Valéry weiter, „sei ein Lossageblick – ein Trennungsblick – aus einem Gefühl für das Mögliche – und in ihm eine Gegend, ein Gebiet – das keines Blickes ist“. All dies wird irgendwann malerisch verarbeitet. Der Übergang von der Außenwelt zur Innenwelt wird von Hilke Dettmers seiner Unscheinbarkeit enthoben, die von der Wahrnehmung vernachlässigte Abseite zum Bildgegenstand erhoben. Die Farbigkeit ist dabei meist zurückgenommen und blässlich, ineinander übergehende Grau- und Beigetöne herrschen oft vor. Viele Ölgemälde erscheinen diffus und geradezu wie überbelichtet. Keine starken expressiven Linien und Farbaufträge, dezente Andeutungen statt dezidierter Aussagen, beiläufige Fragen statt ausformulierter Antworten. Hilke Dettmers Malweise erinnert auf den ersten Blick an die des Belgiers Luc Tuymans. Das Ephemere, das sich bei Tuymans oft als subtil vorgetragene Auseinandersetzung mit der politischen Vergangenheit seines Landes interpretieren lässt, ist bei Hilke Dettmers jedoch von größerer Innerlichkeit, Privatheit und Subjektivität geprägt.
Hilke Dettmers richtet ihren Blick auf das zunächst vielleicht Unwesentliche, Unbeachtete, scheinbar Banale und mit einem Aufmerksamkeitsdefizit Behaftete – das Spektakuläre interessiert sie nicht. Es wird bei jedem ihrer Bilder ein Prozess in Gang gesetzt, der seinen Ausgangspunkt im fotografischen Schnappschuss hat und bei der intensiven Betrachtung des Ausstellungsbesuchers noch lange nicht aufhört. Deshalb laden wir Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, jetzt ein, die Arbeiten von Hilke Dettmers genauer in Augenschein zu nehmen.